Eine halbe These zur Zukunft des Fernsehens
Richard Gutjahr, in letzter Zeit vor allen Dingen dadurch bekannt geworden, dass er sich mitten in den Revolutionsaufständen Kairos eben dahin auf den Weg gemacht hat, fasst in seinem aktuellen Artikel 5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens seine Beobachtungen zur Kairo-Berichterstattung zusammen. Ein sehr leseneswerter Artikel, der klar macht, dass das Fernsehen der Zukunft sich am Zuschauer von heute orientieren muss, will es weiterhin von Bedeutung sein.
Mir geht es dabei vor allen Dingen um These 2, die ich zuerst in der Zusammenfassung bei Carta gelesen habe und für grundsätzlich falsch hielt:
2) Fernsehen wird durch Smartphones und Tablets ortsunabhängig
Fernsehen wird in Zukunft meiner Ansicht nach so ortsabhängig wie nur irgend möglich sein. Leute werden im Tagesschau-Stream unterwegs zum Schluss die Lokalnachrichten für ihren aktuellen Standort erfahren. Als Zulieferer funktionieren ja schon jetzt die dritten Programme. Dokumentationen, besonders vielleicht Tier, Natur und Historiendokumentationen werden dem Zuschauer besonders an relevanten Orten vorgeschlagen, einmal ganz zu schweigen vom Wetterbericht. Denn die zeitunabhängige Verfügbarkeit von Fernsehen und einzelnen Sendungen (These 3) stellt den Fernsehzuschauer ja auch vor eine ganz neue, von Youtube-Nutzern schon erlernte Aufgabe, sich nämlich aus dem Überangebot das richtige herauszusuchen. Der Fernsehzuschauer hat plötzlich nicht mehr die Auswahl aus 30 Sendern und Sendungen, sondern aus allen Sendungen der Vergangenheit. Ein Auswahlkriterium wird dabei sicher sein social stream sein und die tagesaktuelle Berichterstattung, aber ein großer Anteil wird dabei auch aus ortsabhängig generierten "Programmvorschlägen" bestehen – besonders bei der Berichterstattung. Jeder Zuschauer wird wohl vorgefertigte oder ganz individuell eingerichtete Filter benutzen, um Sendungen zu schauen.
Wobei ich Gutjahr nicht unterstellen möchte, dass er das nicht sehen würde. Vielmehr meinte seine These, das erfährt man, wenn man den ganzen Artikel liest, dass der Zuschauer nicht mehr an einen Ort gebunden ist, um Fernsehen zu können. In dieser Hinsicht wird Fernsehen natürlich ortsunabhängig sein.
Die spannende Frage für die Berichterstattung des Fernsehen wird sein, ob sie den Spagat zwischen multi-zielgruppenspezifischem Fernsehen und der Mainstream-Berichterstattung schafft. Oder ob der moderne Zuschauer auch gleichzeitig das Ende der Blockbuster-Nachrichten bedeutet, die ihre Größe und Aktualität vor allen Dingen auch dadurch generieren, dass sie noch eine große Zuschauerzahl haben.
In dieser Betrachtung macht es wahrscheinlich auch keinen Sinn mehr, überhaupt von der Zukunft des Fernsehens zu sprechen. Fernsehen – ein von unverbundenen Massen zu einem bestimmten Zeitpunkt genutzes Medium – wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Das wäre wohl auch die Schlussfolgerung aus Gutjahrs erster These:
1) Die Zukunft des Fernsehens lautet Internet (und umgekehrt)
Comments [0]